Adventsgeschichte in fünf Teilen

Tobias Bonderer hat eine warmherzige Adventsgeschichte für Gross und Klein geschrieben. Sie lässt Schmunzeln, regt zum Nachdenken an und wirkt hoffentlich ansteckend! Wir werden jeden Dienstag hier auf unserer Website und in einem unserer Schaukästen beim Bogenturm einen Teil der Geschichte veröffentlichen. Der fünfte und letzte Teil folgt am 24. Dezember.

Wir danken Tobias Bonderer ganz herzlich für seine Geschichte und wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen!

Ansteckung erwünscht

Eine Adventsgeschichte von Tobias Bonderer

Ein Heimweg voller Ärger – Teil 1

Luis Schulweg war kein Zuckerschlecken. Da gab es die paar Sechstklässler, die sich oft einen Spass daraus machten, den kleineren Schüler zu hänseln und zu ärgern. Sie rannten ihm hinterher und freuten sich, wenn er Angst vor ihnen hatte.

Danach kam der Wachhund. Der Heimweg führte über den Parkplatz einer Firma, auf dem Lastwagen verschiedene Dinge ein- und ausluden. Gleich daneben stand ein Haus, das von einem hohen Zaun umgeben war. Hinter diesem tobte meist ein zorniger Schäferhund, der jedes Mal, wild kläffend am Gitter hochsprang, wenn Luis daran vorbeiging.

Aber das Schlimmste waren die letzten hundert Meter. Luis wohnte mit seiner Familie an der Friedensstrasse, im obersten Stock eines Mehrfamilienhauses mit der Nummer sieben. Leider passte der Name der Strasse überhaupt nicht zu dem alten Kasten. Keine Spur von Frieden. Vor zwei der Bewohner fürchtete sich Luis sogar.

Links vom Eingang im Erdgeschoss wohnte die alte Frau Muff. Ihr Gesicht schien ausschliesslich aus Falten zu bestehen. Sogar die Augen und der Mund, waren kaum von den vielen Furchen zu unterscheiden, die ihre Züge wie einen Acker durchliefen. Wenn sie Luis sah, kniff sie stets die Augen zusammen, als ob ihr sein Anblick Rückenschmerzen bereitete. Ihre Mundwinkel hingen immer nach unten, wie die Lefzen einer Dogge.

Wenn auf dem Heimweg Luis Zuhause in Sicht kam, galt sein erster Blick stets dem Fenster links vom Eingang. Dort thronte die Alte, die Unterarme auf ein Kissen gestützt und beobachtete mit ihrem Zitronenfaltengesicht die Strasse. Er nannte es Zitronengesicht, weil es aussah, als hätte sie eben in eine solche gebissen. Kaum, dass sie Luis sah, fixierten und verfolgten ihre Augenschlitze ihn bis zur Tür. Er schaute absichtlich weg, auf seine Füsse oder nach rechts, aber er spürte ihre stechenden Blicke in seinem Nacken.

Manchmal hörte er, wie sie leise mit sich selbst sprach. Meist verstand er nicht genau, was sie sagte. Aber es klang nie sonderlich freundlich. Ab und zu glaubte er, dass sie etwas wie „kleiner Scheisser“ brummelte. Die letzten Schritte vor dem Eingang rannte er, um so schnell als möglich ihrem stechenden Blick zu entgehen.

Noch schlimmer war es, wenn er ihr im Treppenhaus begegnete, welches regelmässig von Frau Muff geputzt wurde. Weil es im Block an der Friedensstrasse keinen Lift gab, waren die Treppen an den Putztagen immer besonders schmutzig und die Alte immer besonders sauer. Sie stand dann umgeben von Wischmopp und Eimern auf den Stufen und blockierte den Durchgang, während sie die Fliesen mit dem Schrubber traktierte.

So schnell als möglich huschte Luis an diesen Tagen neben ihr die Treppe hoch, den Blick gesenkt, um nur ja nicht in dieses böse Gesicht sehen zu müssen. Hinter sich hörte er dann, wie sie zu sich selber sagte. „Sieh dir die Sauerei an. Keiner schert sich einen Dreck, wie das hier aussieht.“ Und manchmal war er sich fast sicher, dass sie „kleiner Scheisser“ murmelte, wenn er sich an ihr vorbeizwängte.

Im vierten Stock, genau unter der Wohnung von Luis Familie wohnte Herr Sperz, ein Riese von einem Mann. Luis Vater war auch gross, aber Herr Sperz überragte ihn um fast einen Kopf. Und er war nicht nur gross, er war auch breit. Im Sommer sah man unter seinen schwarzen T-Shirts riesige Muskelpakete. Die Arme waren bis zu den Handrücken tätowiert, sein Kopf stets kahlgeschoren.

 Einmal stieg Luis die Treppe hinunter, um draussen Fussball zu spielen, da ertappte er Herrn Sperz dabei, wie dieser einen FC St. Gallen Sticker aussen auf seine Wohnungstür pappte. Er war leidenschaftlicher Fussballfan und auf seinem Balkon hing eine grosse grüne Flagge desselben Vereins. Luis blieb wie angewurzelt stehen und sah ihm zu. Er wusste genau, dass es verboten war, Klebebilder im Treppenhaus anzubringen. Seine Mutter hatte ihm das einmal gesagt, als er Bob den Baumann an die Tür kleben wollte.

Als Herr Sperz merkte, dass Luis ihm zusah, schnellte sein Kopf herum. Luis sah, dass er unter seinem linken Auge eine Träne tätowiert hatte. Das Gesicht des Riesen verdüsterte sich. „Ist was?“, blaffte er mit einer Stimme, die von vielen Zigaretten heiser gescheuert worden war. Luis wusste nicht, was er sagen sollte.

In dem Moment regte sich in der Wohnung von Herrn Sperz etwas und ein Grollen näherte sich der Tür. Noch bevor der schwarze Kopf zum Vorschein kam, drehte Luis sich um und flüchtete zurück zu seiner Mutter. Herr Sperz hatte nämlich einen Hund, der beinahe ebenso gross und breit war wie er selbst. Allerdings hatte das Tier mehr Haare als sein Herrchen. Sie standen ihm zottelig vom Körper ab und wenn er knurrte, war es, als ob das ganze Haus wackelte. Seither rannte Luis jeden Tag an der Tür mit dem FC St. Gallen Kleber vorbei, als ob der Teufel hinter ihm her wäre. Und so nannte er die beiden denn auch fortan. Sperz und sein schwarzer Teufel.

Ihr seht also, Luis Schulweg war alles andere als friedlich. Daher atmete er immer erleichtert auf, wenn sich seine Wohnungstür hinter ihm schloss. Zuhause war die Welt in Ordnung und er konnte die Probleme seines Heimwegs vergessen. Aber heute brodelte der Ärger in Luis Bauch weiter, als er schon in der Wohnung war. Zu den Problemen auf dem Heimweg hatte sich ein neues gesellt.

In der Schule war etwas Ungeheuerliches geschehen.

Hoch ansteckend – Teil 2

Luis erzählte seiner Mutter, dass heute ein neuer Junge in die Klasse gekommen sei und die Lehrerin ihn ohne zu fragen zu ihm an den Tisch gesetzt habe. Seit Beginn des Schuljahres hatte Luis einen Pult für sich allein. Er liebte das, weil er doppelt so viel Platz für seine Sachen hatte und während der Prüfungen nie wegsitzen musste. „Dabei hätte es andere freie Plätze gegeben.“ Luis war so wütend, dass er sich kaum beruhigen liess.

„Vielleicht ist der Junge ja ein ganz lieber Kerl“, versuchte seine Mutter zu beschwichtigen. Doch Luis blieb hart. „Der ist doof! Er sieht doof aus, er spricht doof und er hat einen doofen Namen. Ich hasse ihn!“ „Wie heisst er denn?“, wollte die Mutter wissen. „Selim“, antwortete er, „aber ich nenn ihn Trottelkopf!“

Den ganzen Nachmittag über grübelte Luis, wie er diesen Selim loswerden könnte. Er musste erreichen, dass der Trottelkopf von sich aus den Platz wechseln wollte. Er würde ihm das Leben am gleichen Tisch so unangenehm wie möglich machen. Luis beschloss, ab morgen zu einer Mischung aus Frau Muff und Herrn Sperz zu werden. So würde Trottelkopf schon bald verschwinden und der Pult wieder ihm allein gehören.

Luis gab sich in den kommenden Tagen jede erdenkliche Mühe, so unfreundlich wie möglich zu Selim zu sein. Er schaute ihn an, wie Frau Muff es mit ihm tat. Immer wieder murmelte er halblaut: „Trottelkopf!“ Und wenn Selim ihn etwas fragte, versuchte er so finster wie Herr Sperz zu schauen und sagte nur: „Ist was?“

Komischerweise schien der verhasste Banknachbar davon nichts zu merken. Noch schlimmer. Anstatt seinerseits gemein und abweisend zu werden, blieb er immer freundlich. Es sah so aus, als würde Luis Plan nicht funktionieren. Am Freitagnachmittag unternahm er einen letzten verzweifelten Versuch. Als alle zusammenpackten, schmiss er Selims Etui vom Tisch. Es landete mit samt einigen Blättern auf dem Boden. Während Selim sich hinkniete, um die Stifte aufzuräumen, schulterte Luis zufrieden seinen Thek und machte sich auf den Heimweg.

Normalerweise liessen die Kinder ihre Tornister Freitag bis Sonntag in der Schule. Luis hatte aber am Donnerstag vergessen, eine Prüfung unterschreiben zu lassen. Darum musste er das Blatt übers Wochenende mit nachhause nehmen. Als er seinen Thek am Samstagmorgen öffnete, um Mutter den Test zur Unterschrift vorzulegen, war dieser leer. Luis wurde gleichzeitig heiss und kalt. Zweimal die Unterschrift vergessen bedeutete, dass man am Mittwochnachmittag nachsitzen musste. Für Luis eine Horrorvorstellung. Zudem fiel ihm ein, dass seine Mutter versprochen hatte, mit ihm am nächsten Mittwoch ins Hallenbad zu fahren. Am Wochenende war die Schule zu. Er hatte keine Chance mehr sein Versäumnis bis Montagmorgen nachzuholen. Verzweiflung stieg in ihm auf.

Luis ging in den Flur, um seiner Mutter das Unglück zu klagen, als es an der Wohnungstüre läutete. Er öffnete und traute seinen Augen nicht. Vor ihm stand Selim. Er war so baff, dass er dabei völlig vergass, ihn grimmig anzuschauen. Dann kam es ihm wieder in den Sinn und er fragte so unfreundlich wie möglich: „Was hast du denn hier verloren?“ Selim grinste. „Nichts verloren. Aber was gefunden. Schau, du hast gestern deine Prüfung auf dem Tisch liegen lassen. Wenn du sie am Montag nicht unterschrieben hast, musst du nachsitzen. Da dachte ich, ich bring sie dir besser vorbei.“

Während Selim aus seinem Thek Luis Test holte, bemerkte dieser, dass sein Mund offenstand. Er konnte es nicht fassen. „Und du bist extra hierhergekommen, um mir meine Prüfung zu bringen?“ „Ja“, antwortete Selim, drückte ihm das Papier in die Hand, drehte sich um und hüpfte die Stufen hinab. „Tschüss, bis Montag!“

Luis stand da und hatte keine Ahnung, was er sagen sollte. „Tschüss!“, stammelte er.

Dann hörte er weiter unten Selims Stimme: „Kommen sie rein. Das sind ja schwere Taschen.“ Und jemand antwortete: „Danke Kleiner.“ Das musste Frau Muff gewesen sein. Aber sie klang irgendwie anders. So normal? So nett?

Luis drehte sich um und ging immer noch total durcheinander in die Wohnung zurück. Als er seiner Mutter die Prüfung zum Unterschreiben hinhielt, sah diese ihn an und fragte: „Sag mal, hast du ein Gespenst gesehen?“ Er schüttelte verwirrt den Kopf und sagte: „Nein, ich hab Selim gesehen.“

Am Montag in der Pause ging Luis zu Selim, der etwas abseits an einer Mauer lehnte und stellte sich neben ihn. Eine ganze Weile passierte nichts. Sie standen einfach nur da und sahen den anderen Kindern beim Spielen zu. Dann nahm Luis einen Müsliriegel aus der Tasche, brach ihn in zwei Hälften und hielt Selim eine davon hin. „Magst du Farmer?“, fragte er ihn. Über das Gesicht des anderen Jungen zog ein Lächeln. „Keine Ahnung.“ Dann nahm er das angebotene Stück und schob es sich in den Mund. Sein Lächeln wurde breiter, als er sagte: „Ich liebe Farmer!“

Louis Tisch blieb fortan ein Zweiertisch. Aber das störte ihn nicht mehr.

​​​​​​​Ein paar Tage später sprach Luis Selim auf seine Begegnung mit Frau Muff an. „Bist du bei uns im Treppenhaus einer Frau begegnet?“ „Ja“, antwortete dieser. „Eine nette alte Frau mit zwei Einkaufstaschen. Warum?“ „Die ist sonst total unfreundlich. Ich hab sie noch nie so nett sprechen hören. Was hast du denn gemacht?“ „Ich hab ihr die Tür aufgehalten, weil sie zwei schwere Taschen dabeihatte“, sagte Selim. „Und das war alles?“ Luis verstand nicht. „Freundlichkeit ist ansteckend, wie eine Grippe.“ Luis verzog das Gesicht. „Freundlichkeit ist eine Krankheit?“ Selim grinste: „Ja, aber eine gute!“ „Und das klappt immer?“  „Nein, leider nicht immer. Aber wenn es klappt, haben beide gewonnen.“

Luis dachte zurück an seine Prüfung und wusste, dass Selim recht hatte.

Das Experiment - Teil 3

Es hatte geschneit. Auf den Strassen und Gehsteigen war der Schnee durch das Streusalz, die Schuhe und den Schmutz zu braunem Matsch geworden.

Als Luis in die Friedensstrasse einbog, schielte er aus den Augenwinkeln zur Frau Muffs Wohnung. Sie war nicht am Fenster. Luis wurde es unwohl. Hoffentlich würde er ihr nicht im Treppenhaus begegnen. Aber als er eintrat, hörte er, wie auf der Treppe mit Eimern und Schrubber hantiert wurde.

So ein Mist! Er würde wohl oder übel hochlaufen und ihr vorbei müssen. Ihrem bösen Blick ausweichen und so tun, als ob sie nicht da wäre. Er schaute auf seine Stiefel. Sie waren voller Schneematsch und würden eine richtige Dreckspur im Treppenhaus hinterlassen. Vor der Tür wischte er sich mit dem Besen einen Grossteil der braunen Pampe von den Stiefeln. Dann fasste er sich ein Herz und ging zur Treppe. Auf der untersten Stufe hatte ihn sein Mut schon wieder verlassen. Er stellte sich Frau Muffs gehässiges Zitronengesicht vor, wie sie ihn aus zusammengekniffenen Augen anstarrte und „kleiner Scheisser“ murmelte.

Doch da erinnerte er sich auf einmal an Selim: „Freundlichkeit ist ansteckend.“ Luis schüttelte den Kopf. Nein, keine Chance bei der Alten, die war gegen Freundlichkeit geimpft. Aber dann hörte er wieder ihre Stimme, als Selim ihr damals die Tür aufgehalten hatte. Sollte er es doch einmal versuchen? Schliesslich gab er sich einen Ruck. Was hatte er schon zu verlieren? Schlimmer konnte es nicht werden.

Er zog seine Stiefel aus und stieg in Socken die Treppe bis zum nächsten Absatz hoch. Dort war Frau Muff dabei, den Boden mit Eimer und Mopp zu bearbeiten. Er sah ihre unförmige Gestalt in dem verwaschenen Blümchenkleid von hinten, nahm allen Mut zusammen und sagte laut und deutlich: „Hallo Frau Muff.“ Naja, ganz so laut und deutlich war es dann doch nicht, seine Stimme zitterte ein bisschen. Die Alte hielt in ihrer Bewegung inne, wandte ihm ihr zerknittertes Gesicht zu und blickte auf die Stiefel in seiner Hand.

„Hallo“, sagte sie, und Luis hatte das Gefühl, sie klänge nicht ganz so unfreundlich wie sonst. „Darf ich sie kurz stören?“, fragte er. Tatsächlich trat sie einen Schritt zur Seite. Er ging ganz am Rand der Treppe, wo die Fliesen schon wieder trocken waren an ihr vorbei und merkte, dass er viel weniger Angst hatte als gewöhnlich.

Dabei fiel sein Blick auf den fast vollen Eimer mit dem schmutzigen Wasser. „Soll ich ihnen den noch schnell ausleeren?“ Das kam ganz spontan. Er hatte es gar nicht geplant. Als er in Frau Muffs Gesicht schaute, änderte sich darin etwas. Die Falten schienen sich neu zu ordnen und es sah plötzlich eher erstaunt als böse aus. Einen Moment lang passierte nichts.

Dann nickte sie. Erst nur vorsichtig, als ob sich ihr Kopf das Nicken nicht gewohnt wäre. „Ja“, sagte sie und gleich nochmal, „Ja gerne.“ Luis griff sich den Eimer. Als er damit vor seiner Wohnungstür stand, pochte sein Herz wie verrückt. Er warf die Stiefel auf den Boden und rannte ins Bad, wo er das dreckige Wasser wegkippte.

Als er mit dem leeren Eimer in der Hand wieder zurückrannte, stand seine Mutter im Flur und schaute ihn verdutzt an. „Lu, was ist das für ein Eimer? Und was machst du denn da überhaupt?“

„Ich stecke Frau Muff an!“, flüsterte Luis und war schon wieder zur Tür hinaus. Als er den leeren Eimer drei Treppen tiefer neben ihr abstellte, war er völlig ausser Puste. „Bitte sehr.“ Die Alte musterte erst den Eimer, dann Luis. Sie schien der Sache nicht ganz zu trauen. Anschliessend nickte sie noch einmal kurz. „Danke.“

Nicht dass sie dabei gelächelt hätte, aber es klang immerhin nicht unfreundlich. Luis bezweifelte, dass dieses steinerne Gesicht überhaupt lächeln konnte.

​​​​​​​Das Erlebnis mit Frau Muff gab Luis eine ungeahnte Energie. Dass Selims Technik auch bei ihm funktionierte, war einfach unglaublich. Er beschloss in seinem Freudentaumel, den Trick gleich nochmal anzuwenden und stapfte nach dem Nachtessen einen Stock tiefer zu der Tür von Herrn Sperz. In der Hand hielt er das Foto eines Spielers des FC St. Gallen, auf dem mit fettem schwarzem Filzstift dessen Unterschrift stand. Am letzten Sporttag war der Fussballer da gewesen, hatte mit allen Schülern ein kurzes Training gemacht und am Ende Autogrammkarten verteilt.

Kaum hatte Luis die Klingel gedrückt, brach dahinter die Hölle los. Der Junge schrak zusammen, den schwarzen Teufel hatte er total vergessen. Im ersten Moment wollte er wegrennen, aber da hörte er Herrn Sperz Stimme hinter der Tür und der Hund verstummte. Ein Schlüssel wurde gedreht und der kahlgeschorene Kopf erschien im Türspalt. Als er den Jungen entdeckte, fragte er nur: „Ja?“

Etwas drückte gegen die Beine von Herrn Sperz. Offensichtlich wollte der Teufel in den Flur und sich auf das dürre Bürschchen stürzen. Luis Mund war trocken und er verfluchte sich für seinen Übermut. Zittrig hob er daher die Karte hoch. „Das ist für sie.“ Seine Stimme klang belegt und unsicher. Auf Herrn Sperz Gesicht machte sich Erstaunen breit. Er öffnete die Tür ganz und trat ins Treppenhaus. Und mit ihm der schwarze Teufel. Luis erstarrte. Das Riesenvieh kam vor ihm zu stehen und stiess ihn immer wieder mit der Schnauze an, während er seine Kleider beschnupperte.

Luis stand wie versteinert, als Herr Sperz ihm die Autogrammkrate aus der Hand nahm. Nach einer Weile sah der Riese ihn an und schien erst jetzt seine Angst zu bemerken. „Vor King brauchst du dich nicht zu fürchten. Er ist ein Riesenvieh, aber wenn du ihm nichts machst, tut er dir auch nichts. Schau, er mag es, wenn man ihn hinter dem Ohr streichelt“. Er griff dem Ungetüm auf den Kopf und fing an, das struppige Fell zu kraulen. Der riesige Hund plumpste auf den Boden und machte wohlige Geräusche. Luis kauerte sich neben den Fellberg und versuchte es ebenfalls. Ein tiefes, zufriedenes Hundeseufzen erfüllte das Treppenahaus.

Es schien, als könne man sogar schwarze Teufel, mit Freundlichkeit anstecken.

Die Freundlichkeitsgrippe - Teil 4

Luis konnte es nicht fassen. Die Freundlichkeitsgrippe, so nannte er seinen neu entdeckten Trick, funktionierte. Seit er Frau Muff den Eimer geleert hatte, war das Heimkommen nicht mehr so schlimm. Natürlich, die Sechstklässler jagten ihn weiterhin und der Hund bei der Lastwagenfirma kläffte sich jedes Mal die Seele aus dem Leib, wenn Luis am Zaun vorbeiging. Einmal hatte er versucht, stehen zu bleiben und freundlich mit dem Tier zu sprechen, leider ohne Erfolg. Er bellte nur noch wilder und zeigte dabei seine Zähne.

Aber danach war es anders. Luis spähte zwar weiterhin zu Frau Muffs Fenster, um zu sehen, ob sie auf ihr Kissen gestützt die Strasse beobachtete. Allerdings fürchtete er sich jetzt nicht mehr. Im Gegenteil. Wenn er merkte, dass sie ihn durch ihre Augenschlitze entdeckt hatte, hob er den Arm und winkte, anstatt wegzusachauen. Nicht dass sie zurückgewinkt oder - Gott bewahre - gar gelächelt hätte. Aber sie hob ihr Kinn ein paar Zentimeter an und diese Bewegung allein reichte schon aus, dass er auf den letzten Metern zum Eingang nicht mehr vor ihren Blicken davonrennen musste.

Auch an Herrn Sperz Tür ging er jetzt ganz gemütlich vorbei. Die Angst vor ihm und dem schwarzen Teufel, von dem er nun wusste, dass er King hiess, war verschwunden.

Luis hatte die beiden seit jenem Abend nur noch einmal gesehen. Und dieses Treffen verlief leider nicht so freundlich, wie er sich das erhofft hätte. Herr Sperz war mit King aus der Eingangstür gekommen, als Luis und seine Mutter eben vom Einkaufen heimkamen. Sie ging vor ihm her, weil sie drei Einkaufstaschen trug und es eilig hatte. Er bummelte hinterher und konnte beobachten, wie sie einen Bogen um Herrn Sperz und King machte, als sie an ihnen vorbeiging. Keinen der beiden Riesen schien das zu stören. Herr Sperz blieb stehen, um sich eine Zigarette anzuzünden. „Hallo Herr Sperz“, sagte er und blieb ebenfalls stehen. King fing an, mit dem Schwanz zu wedeln, Ankerwas es lebensgefährlich machte hinter ihm zu stehen. Luis streckte die Hand aus und kraulte ihn zwischen den Ohren. Da erscholl ein lauter Schrei vom Eingang: „Luis, komm sofort hierher!“ Seine Mutter stand in der Tür und starrte das Dreiergrüppchen an. „Ich komm gleich Mama, ich will nur noch...“ Weiter kam er nicht. „Sofort!“ Ihre Stimme war schon fast ein Kreischen. Neben sich hörte Luis, wie Herr Sperz den Rauch ausblies und zu King sagte: „Komm, wir gehen.“

Als sie in der Wohnung waren, zeterte seine Mutter los. „Sag mal was denkst du dir eigentlich? Ich habe dir schon so oft gesagt, wie gefährlich Hunde sind. Das Monster hätte dich schwer verletzten können.“ „Aber der ist ganz lieb. Das hat Herr Sperz selber gesagt“, erwiderte Luis. „Er hat mir sogar gezeigt, wo King am liebsten gekrault wird.“ Die Mutter schnappte nach Luft: „Ich will nicht, dass du mit diesem Mann zu tun hast. Der ist gefährlich, das sieht man ja.“

Luis verstand die Welt nicht mehr. Gerade als seine Probleme anfingen, sich zu bessern, erzählte ihm seine Mutter, dass das nicht stimmte? War Herr Sperz wirklich gefährlich?

​​​​​​​In der letzten Woche vor Weihnachten durften die Kinder nach dem Unterricht im Keller des Schulhauses zum Kerzenziehen. Luis und Selim hatten sich verabredet und eineinhalb Stunden später hielt jeder der beiden zwei wunderschöne Kerzen in Händen.

„Die schenk ich Mami und Papi zu Weihnachten“, erzählte Selim, während sie ihre Kunstwerke in weiches Papier einrollten. „Ich hab für meine Eltern schon ein Bild gemalt“, antwortete Luis. „Aber die Idee ist nicht schlecht.“ Er wickelte eine Zeitung um das Seidenpapier und verstaute die beiden Pakete sorgfältig in seinem Schulthek. „Ich glaube ich schenk ihnen das Bild ein andermal. Die Kerzen sind viel schöner!“

Als sie aus dem Schulhauskeller kamen, war es schon dunkel. Sie verabschiedeten sich voneinander und machten sich auf den Heimweg. Luis war so in Gedanken vertieft, dass er die dunklen Schatten gar nicht sah, die an der Ecke des Schulhauses standen und ihm, als er den Weg zur Lastwagenfirma einschlug, leise folgten.

Weihnachten in der Friedensstrasse - Teil 5

Luis rannte, als gälte es sein Leben. Hinter ihm grölten die Buben aus der sechsten Klasse. Kurz vor dem Haus mit dem Hund rutschte er aus und fiel in den Matsch auf dem grossen Platz. Jemand riss ihn am Schulthek hoch. Luis versuchte, sich loszureissen, aber die Jungs hatten ihn bereits umstellt. Marco, der grösste und kräftigste von ihnen packte ihn an der Jacke: „Wovor läufst du denn weg, Hasenfuss? Etwa Angst vor uns?“ Ein anderer Schüler riss ihm die Kappe vom Kopf und warf sie weg. Sie landete irgendwo hinter ihnen im Matsch. In dem Moment, als Luis dachte, dass es nicht schlimmer kommen könnte, hörte er das Kläffen. Der Wachhund schoss heran, warf sich gegen den Zaun und kläffte wie wild. Als Marco Luis Blick bemerkte, wurde sein fieses Grinsen noch breiter. „Sag nur, der Angsthase hat auch Schiss vor kleinen Hunden? Soll ich euch beide mal bekannt machen?“ Er schleifte Luis zu dem Maschendrahtzaun und presste ihn mit dem Rücken dagegen. Nur der Schulthek verhinderte, dass er selbst ans Gitter gedrückt wurde. Hinter sich hörte er den Hund bellen und spürte, wie er sich immer wieder gegen den Zaun warf. Luis Herz raste wie wild. Er wusste nicht, ob er schon jemals solche Angst hatte. Sein Kopf war leer. Was würde als Nächstes kommen?

Was als Nächstes kam, war eine Überraschung. Der Hund verstummte von einem Moment auf den nächsten. Luis hörte ihn hinter sich erst winseln und dann davonrennen. Noch während er sich fragte, was wohl passiert sei, nahm er ein neues Geräusch wahr. Leiser und tiefer. Jemand knurrte. Ein Knurren, das ein ganzes Haus zum Wackeln und die Buben um Luis herum zum Erstarren brachte. Marco schaute sich um, seine Augen weiteten sich, und er liess sein Opfer los.

Hinter ihnen stand ein riesiger schwarzer Schatten, aus dessen Kehle ein Knurren drang, dass einem das Blut in den Adern gefrieren liess.

„King!“, rief Luis. Erleichtert ging er auf seinen Retter zu und stellte sich neben ihn. Die Jungen auf dem Platz standen wie angewurzelt. Keiner rührte sich. Dann streckte Luis die Hand aus und streichelte über das schwarze Fell. Der riesige Hundekörper war warm, und das Knurren wurde etwas leiser.

„Ganz schön mutig, der Kleine, was?“ Alle drehten den Kopf. Dort wo Luis Kappe im Schnee lag, stand Herr Sperz. Mit seiner Winterjacke sah er noch grösser und noch breiter aus. Keiner sagte etwas. Der Riese hob die Mütze auf und kam näher. „Ihr wolltet nicht etwa gerade Luis plagen, oder?“ Weiterhin Stille. Ein paar der Jungs fingen an, die Köpfe zu schütteln. „Sieben Grosse auf einen Kleinen, das wäre nämlich gar nicht mutig. Sowas machen nur Feiglinge.“ Er blieb vor Marco stehen. Dieser musste seinen Kopf in den Nacken legen, um in Herrn Sperz Gesicht zu sehen. „Und ihr seid keine Feiglinge, oder?“ Marcos Nasenspitze bewegte sich leicht nach links und rechts. „Gut. Es würde mir nämlich gar nicht gefallen, wenn Feiglinge meinen Freund Luis ärgern würden.“ Er klopfte die Mütze, die er immer noch in der Hand hielt an einem Bein ab und drückte sie Luis auf den Kopf. „Gehn wir?“

Luis nickte und folgte Herrn Sperz in Richtung Friedestrasse. Als dieser merkte, dass King sich noch nicht von den versteinerten Sechstklässlern trennen konnte, rief er: „Komm mein Grosser!“ Der Hund drehte sich um, trabte zu ihnen und leckte Luis über das Gesicht.

Sie sprachen auf dem restlichen Heimweg kein Wort. Als sie in die Friedensstrasse einbogen, fing es leise an zu schneien. Es war dunkel, weil die Strassenlaterne vor Nummer sieben schon seit Wochen kaputt war. An der Eingangstür sagte Luis: „Es ist schön, Freunde zu haben.“ Herr Sperz zog an seiner Zigarette, blies den Rauch geräuschvoll aus und trat sie aus. Dann nickte er und King liess ein zustimmendes Seufzen hören.

Als sie das Treppenhaus betraten, öffnete sich die Tür auf der linken Seite und Frau Muff trat auf den Flur. „Hallo, Frau Muff“, begrüsste sie Luis. Sie hob das Kinn ein paar Zentimeter und machte: „Mmmh.“ Für Frau Muff war das schon fast herzlich, fand er. Dann hielt sie ihm plötzlich ihre Hand mit einem Säckchen voller Kekse entgegen. Hinter sich hörte er King schmatzen, was dem Hund einen vernichtenden Blick von ihr einbrachte. „Für mich?“, fragte Luis. Sie nickte. „Vielen Dank, Frau Muff! Sind auch Spitzbuben drin?“ „Ich mag keine Spitzbuben“, sagte sie und sah dabei Herrn Sperz an. „Ich mag nur kleine Scheisser und die gibt’s leider nicht als Kekse.“ Der Riese hinter Luis musste lachen. Es klang zwar etwas heiser, aber dennoch irgendwie schön, fand er. Er war sich unterdessen sicher, dass seine Mutter sich in ihm irrte. In dem Augenblick fällte er eine Entscheidung.

„Einen Moment“, sagte er.

Am Weihnachtsabend bekamen Luis Eltern von ihm ein wunderschönes, selbst gemaltes Bild geschenkt. Draussen fielen leis die Flocken auf die Strassen und Gehsteige. Die Strassenlaterne vor Nummer sieben war immer noch kaputt, dafür leuchteten im Mehrfamilienhaus selbst zwei selbstgezogene Kerzen. Eine auf dem Balkon mit der grünen Vereinsflagge, die andere auf dem Sims des Küchenfensters im Erdgeschoss. Luis lag an diesem Abend überglücklich in seinem Bett. Es war ein herrliches Fest gewesen. Obwohl seine Zähne schon geputzt waren, griff er hinter den Dino auf seinem Bücherregal, zog eine kleine Plastiktüte hervor und klaubte einen Keks heraus. Während er ihn genüsslich kaute, dachte er an Selim, daran, dass Freundlichkeit ansteckend ist und wie schön es war, Freunde zu haben. Dann schloss er die Augen und erinnerte sich an ein Geheimnis, das noch süsser war als die Kekse.

​​​​​​​Das Gesicht von Frau Muff konnte tatsächlich lächeln.